Der Bitcoin Standard von Saifedean Ammous: Größenwahn auf Kaffeefahrt

info_d17io04j | 15. Juli 2019 | 0 | Text News

Nun habe ich den Bitcoin Standard von Saifedean Ammous gelesen. Das Buch enthält einige gute Momente, leidet aber unter zu viel Maßlosigkeit und Wüterei. Für den, der nochmals erfahren will, was er eh schon weiß, ist es ein Volltreffer. Für alle anderen eröffnet es den Verdacht, dass Lesen nicht automatisch bildet.

Ich habe mich lange gesträubt, den „Bitcoin Standard“ von Saifedean Ammous zu rezensieren. Da ich selbst ein nicht-technisches Buch über Bitcoin geschrieben habe, sehe ich mich hier in einem Interessenskonflikt. Aber nachdem ich wieder und wieder auf das Buch angesprochen wurde und es mittlerweile den Status von DEM Bitcoin Buch schlechthin erhalten hat, habe ich mich verpflichtet gefühlt, es doch tun.

Überraschenderweise handelt der „Bitcoin Standard“ kaum von Bitcoin. Von den zehn Kapiteln beschäftigen sich nur drei mit der Kryptowährung, von denen eines eine ungeordnete Sammlung von Fragen und Antworten zu Bitcoin ist. Man muss, um es mit den Worten der Rezensentin Frances Coppola zu sagen, „durch sieben Kapitel über Österreichische Ökonomie und Hartgeld-Fetischismus waten, bis man das Fleisch des Buches erreicht“.

Am Anfang geht das noch gut. Saifedean kennt sich mit der Österreichischen Schule aus und schafft es, das Thema Geld in deren bewunderswert klaren Begrifflichkeiten bündig und verständlich einzuordnen. Er legt dar, wie Mengers Konzept der Absatzfähigkeit zur Entwicklung des Geldes führte, wie die Stock-to-Flow-Ratio Gold zum idealen Geld macht, und welche Folgen die Zeitpräferenz für das ökonomische Handeln von Individuen hat. Nichts davon ist neu – aber es ist dennoch erhellend.

Missbrauch von Geschichte

Das Problem ist das, was danach oder dazwischen kommt. Saifedean erzählt eine Weltgeschichte des harten und weichen Geldes, die von den alten Griechen bis zum Ende von Bretton Woods 1971 reicht. In dieser Geschichte sind mehr Irrtümer, Halbwahrheiten und Spekulationen, als ich aufzählen kann. Zum Beispiel schreibt er zum Mittelalter:

„Nach dem militärischen und ökonomischen Kollaps des Römischen Reiches wurde der Feudalismus zur primären Gesellschaftsordnung. Die Zerstörung von hartem Geld [„sound money“] war zentral, um die ehemaligen Bürger des Römischen Reiches als Leibeigene unter die Willkür ihrer feudalen Herren zu stellen … Steuern und Inflation hatten den Wohlstand und die Ersparnisse der Europäer vernichtet. Neue Generationen kamen zur Welt, ohne von ihren Vorfahren akkumuliertes Vermögen zu erben, und das Fehlen eines guten monetären Standards schränkte die Reichweite des Handels ein, schottete Gesellschaften voneinander ab und beförderte die Engstirnigkeit, als ehemals florierende und zivilierte Handelsgesellschaften in das dunkle Zeitalter von Leibeigenschaft, Seuchen und religiöser Verfolgung abglitten.“

Klingt gut? Ist aber so falsch, dass es weh tut. Der Feudalismus entwickelte sich erst rund 300 bis 400 Jahre nach dem Zusammenbruch des römischen Reiches. Zu dieser Zeit gab es mit der karolongischen Münzordnung längst einen Silberstandard, der zusammen mit dem fortlebenden römischen Gold-Solidus im europaweiten, sich im Lauf des Mittelalters stetig ausdehnenden Handel kursierte. Die Leibeigenschaft der Feudalgesellschaft kannte viele Grade der Freiheit, von denen selbst der geringste einen gewaltigen sozialen Fortschritt gegenüber der Sklavenhalter-Gesellschafter der Antike darstellte und den Leibeigenen einen mindestens ebenso gut, wenn nicht besseren Lebensstandard gewährte wie den Bauern im römischen Reich. Steuern und Inflation waren in der Regel sehr gering, und in Seuchen und religiöser Verfolgung stand das römische Reich dem Mittelalter in nichts nach.

Frances Coppola hat sich die Mühe gemacht, Saifedeans Geschichte einer umfangreicheren Prüfung zu unterziehen. Sie hat dabei eine beeindruckend-schockierende Menge an Fehlern oder Halbwahrheiten gefunden. Wenn der Leser aus diesem Abschnitt des Bitcoin Standards etwas lernen sollte, dann, dass Lesen nicht immer bildet, sondern bei arglosem Gebrauch auch dumm machen kann.

Der Zweck dieser Übung in Geschichtsmissbrauch ist klar: Die Historie bestätigt, was Saifedeans sowieso schon wusste: „dass ein Standard von hartem Geld eine notwendige Bedingung für das Erblühen der Menschheit ist, während ohne ihn die Gesellschaft an der Schwelle zu Barbarei und Zerstörung steht.“ In dieser Überzeugung kennt Saifedean kein Maß. Schlechtes Geld ist für ihn die Ursache des Zusammenbruchs des römischen Reiches, von Unfreiheit, schlechter Kunst, ungesunder Ernährung, abnehmenden Geburtenraten, der Dauer der Weltkriege und, um es kurz zu machen: allem schlechten auf der Erde.

„Mei, des kann ich doch auch malen.“

Neben dieser Maßlosigkeit leidet das Buch unter der Angriffslust von Ammous. Er wettert gegen alle Ökonomen, die nicht der Österreicher Schule folgen, gegen den akademischen Betrieb im Allgemeinen, gegen Politiker, Beamte, Banker und mehr.

Polemiken können gut sein. Sie können unterhaltsam sein, amüsant, stilvoll und auch erhellend, sofern der Autor über die entsprechenden Fähigkeiten zur Polemik verfügt. Saifedean gehen sie weitgehend ab. Seine Schimpftiraden sind meist ein ausgedehntes, ermüdendes, dumpfes Gegeifere, das im besten Fall pedantisch wird. Geradezu exzessiv wütet Saifedean an vielen Stellen im Buch gegen John Maynard Keynes, den Gründer der nachfrageorientierten Volkswirtschaftslehre. Eines von vielen Beispielen seiner ad hominem Angriffe:

„Als Sohn einer reichen Familie, die ein signifikantes Kapital angehäuft hatte, vergeudete er den größten Teil seines erwachsenen Lebens mit sexuellen Beziehungen zu Kindern, wofür er auch in den Mittelmeerraum reiste, um Kinder-Bordelle zu besuchen … Es ist unmöglich, die Ökonomie von Keynes zu verstehen, ohne die Art der Moral zu verstehen, die er in der Gesellschaft durchsetzen wollte.“

Ok. Keynesianisten sind also Kinder*****? Oder wie sollen wir das verstehen?

Nachdem Saifedean solcherart die moralische Verkommenheit der keynesianischen Ökonomie enthüllt hat, nimmt er sich die dekadente Kunst des Zeitalters des weichen Geldes zur Brust. Dieses Kapitel gehört mit zum peinlichsten, was ich in den letzten Jahren gelesen habe. Auf der einen Seite wälzt er sich über rund fünf Seiten im Stolz auf die eigene Ignoranz. Sein Kunstverständnis geht nicht über das von jemandem hinaus, der vor einem modernen Gemälde steht und meint, er könne das auch malen. Saifedean ist so unqualifiziert für dieses Kapitel, dass es zum Fremdschämen ist. Auf der anderen Seite ist Kunst für ihn, natürlich, nur ein Vehikel, um zu bestätigen, was er eh schon weiß: Hartes Geld, gute Kunst, weiches Geld, schlechte Kunst. Das Leben kann so einfach sein, wenn man die richtige Brille aufsetzt.

Dabei verstrickt sich Saifedean in zahlreichen Widersprüchen. Er feiert die Kathedralen des Mittelalters – das er zuvor mit Verachtung überzogen hat. Er preist die Werke von Bach und Vermeer, wettert gegen Miley Cyrus und setzt dann zu einer Schimpftirade gegen die Beamten an, die Fördermittel für die Kunst vergeben – obwohl die vormoderne Kunst fast vollständig von Regierungen finanziert wurden, während Miley Cyrus auf dem freien Markt triumphiert. Ein Widerspruch? Ach was.

Die Vermeidung von Irritation

Das Kapitel über die Kunst verrät viel über die Hybris von Saifedean. Sein Wissen über Geld macht ihn offenbar zum Experten für alles. Dabei aber wirkt er selbst auf seinem eigenen Fachgebiet, der Ökonomie, oft ziemlich einfach gestrickt. Sein Verständnis von Schulden ist primitiv, wenn überhaupt vorhanden, und er blendet aus, dass Menschen seit Jahrhunderten weniger durch Geld, als vielmehr durch Immobilien, Aktien, Anleihen und Gold sparen. So als habe er die wirtschaftswissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 50 Jahren verpasst – was naheliegend ist, weil er vermutlich niemals Ökonomen wie David Graeber oder Thomas Piketty lesen würde, da sie nicht zum Team der „Österreicher“ gehören.

Saifedean vermeidet jede Frage, die ihn irritieren könnte. So erklärt er etwa, dass ein hartes Geld, dessen Kaufkraft in Zukunft wächst, dazu führt, dass „Leute weniger Müll kaufen“. An sich eine interessante Idee, gerade unter ökologischen Aspekten, die ich bereits Anfang 2015 in meinem Versuch einer „Blockwirtschaftslehre“ ebenfalls umrissen habe. Aber … wenn Leute weniger konsumieren – wird dann nicht auch weniger produziert? Und wenn es bei der gleichen Geldmenge weniger Produkte auf dem Markt gibt – sinkt dann nicht die Kaufkraft des Geldes? So weit denkt Saifedean nicht. Das wäre ja keynesianisch.

Ebensowenig nimmt er Stellung zu der Tatsache, dass die Gegenwart eine in vielerlei Hinsicht doch recht vermögende und erfolgreiche Zeit ist. Wie kann das sein, nach 50 Jahren Fiat-Geld? Müsste das nicht nach allem, was Saifedean schreibt, schon längst in Elend, Barbarei und endlose Kriege geführt haben? Wie ist es möglich, dass nach der Abkehr des guten Geldes vor mehr als 100 Jahren die Menschheit einen beispiellosen Entwicklungsschub gemacht hat? Auch darauf findet man im Bitcoin Standard keine Antwort.

Denken und Schreiben kann ein Abenteuer sein, wenn es bereit ist, sich selbst zu irritieren. Bei Saifedean ist es aber eher eine Kaffeefahrt zu den immergleichen Orten, wo sich die immergleichen Passagiere die Langeweile damit vertreiben, über die immergleichen Orte zu schimpfen, die sie noch nie gesehen haben. Die Reise erweitert nicht den Horizont, sondern verengt ihn.

Endlich Bitcoin

Bitte nicht falsch verstehen: Ich finde, dass hartes Geld eine gute Idee ist. Ich habe es auch sehr genossen, Bücher von „Österreichern“ wie Mises, Hayek und Menger zu lesen, und dabei sehr viel über Wirtschaft und auch mein eigenes Leben gelernt. Ich stimme Saifedean auch voll und ganz zu, dass Bitcoin das beste harte Geld sein kann, das wir jemals hatten.

Dementsprechend ist der Teil über Bitcoin auch relativ gelungen. Saifedean betrachtet die Kryptowährung rein ökonomisch als ein Geld, das erstens hart – also knapp – ist und zweitens den direkten, mittelsmannlosen Transfer von Werten über die Distanz erlaubt. Daran gibt es nicht viel auszusetzen, und er erklärt dies auf verständliche Weise mit vielen guten Schaubildern.

Leider breitet Saifedean dann seine Vision von Bitcoin aus, die, finde ich, etwas dürftig ausfällt. Er preist zwar die Unmittelbarkeit von Bitcoin-Transaktionen – mit vollem Recht – als historischen Durchbruch, erklärt dann aber, dass Bitcoin in Zukunft über Mittelsmänner skalieren wird. Das jedoch sei nicht schlimm. Denn die Mittelsmänner würden weiterhin die transparente Blockchain nutzen müssen, und überhaupt: Die Menschheit erhalte weiterhin das größte Geschenk überhaupt – was, klaro, hartes Geld ist. Langfristig, meint Saifedean, werde Bitcoin dazu verwendet, die Zahlungen zwischen Zentralbanken auszugleichen.

Geil, oder? Wer will schon die individuelle Souveränität, seine eigene Bank zu sein, wenn Bitcoin auch ein Werkzeug der Zentralbanken sein kann? Weshalb die User in Safedaens Szenario weiterhin Knoten betreiben sollten, um die Geldmenge zu prüfen, und was die Banken davon abhalten wird, wie gewohnt auf Teilreserve zu laufen – das erklärt er nicht.

Immerhin versucht er, zu begründen, weshalb die Zentralbanken und Banken Bitcoin verwenden werden, anstatt andere Kryptowährungen: Alle Altcoins werden von zentralen Entwicklerteams geleitet, die die Währung jederzeit verändern können, weshalb kein einziger unter von ihnen sich als hartes Geld emfehle. Nur Bitcoin sei unveränderlich, da der Gründer Satoshi Nakamoto verschwunden ist. Diese belegt Ammous am Beispiel des Blocksize-Streits, bei dem Entwickler und Unternehmen daran gescheitert sind, das Blocksize-Limit zu lockern. Dabei ignoriert er aber, dass SegWit eine technisch sehr viel invasivere Änderungen war, und dass mit Schnorr und Taproot zwei weitere, womöglich noch tiefgreiferende Änderungen anstehen.

Ohne sich explizit eine technische Meinung zuzugestehen, übernimmt Saifedean hier die verbreitete Ansicht, dass nur eine bestimmte Art von technischer Änderung eine echte Änderung sei – die durch eine nicht abwärtskompatible Hardfork. Damit hält sich Saifedean exakt an die unter den Bitcoin-Maximalisten gängigen Narrative. Das sowie sein Lob des „Hodlens“ könnte vielleicht erklären, weshalb diese sein Buch trotz der vielen, eklatanten Faktenfehler so sehr bejubeln. Der Bitcoin Standard sagt demnach relativ wenig über Geld und Bitcon aus – aber umso mehr über die Einstellung breiter Teile der Bitcoin-Szene. Leider.

… den ganzen Beitrag auf Bitcoin Blog lesen.

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